10 Jahre "Beit Al Liqa" - 

            das christliche Haus der Begegnung feiert Jubiläum

Ein Bericht von Marlene Shahwan

"Das ist doch viel zu groß für uns!", versuchte ich meinen Mann Johnny zu überzeugen, als er mir im Herbst 1996 die etwa 170 m2 großen Räume zeigte, die er im Stadtzentrum von Beit Jala anmieten wollte. Wir wollten unsere verschiedenen kleinen Kreise und missionarischen Aktivitäten mehr der Öffentlichkeit zugänglich machen. Dabei dachten wir an eine Art kleine Teestube. Ein Zentrum, in dem man sich wohlfühlt, mit Leuten ins Gespräch kommt und Veranstaltungen aller Art anbieten kann. Schon nach wenigen Wochen füllte Gott unser christliches Zentrum mit Leben. Wir nannten es "Beit Al Liqa" - Haus der Begegnung. Menschen wurden neugierig und wollten wissen, was für ein neuer "Laden" in ihrer Stadt eröffnet worden ist. Das Beit Al Liqa wurde zum Treffpunkt für jung und alt. Wir veranstalteten Kinder-, Bibel- und Jugendstunden, Vortragsabende und Konzerte. Unser Beit Al Liqa wurde ein Haus der Begegnung mit dem lebendigen Gott.

 

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Jugendliche nahmen Jesus an
Ab Weihnachten 1997 entschieden sich innerhalb weniger Monate mehr als sechzig meist junge Leute für Christus. Manche von ihnen waren zuvor echte Problemfälle, Jesus veränderte sie völlig. Überall sprachen sie von ihrem Glauben, so wurde ihre Lebenswende in der ganzen Stadt bekannt. Geistliche traditioneller Kirchen wurden auf unsere Arbeit aufmerksam. Sie bezeichneten uns als Sekte, als Zionisten und Diebe, die aus anderen Gemeinden die "Schäfchen stehlen". Ein Priester warnte sogar im Lokal-Fernsehen vor uns. Ein anderer suchte systematisch Leute auf, die mit uns in Kontakt standen, und bedrohte sie. Sie würden aus der Kirche ausgeschlossen, wenn sie weiter ins Beit Al Liqa kämen. Manche ließen sich einschüchtern, die meisten jedoch blieben uns treu. Sieben junge Männer aus dieser Gruppe haben eine mehrjährige Bibelschulausbildung absolviert und sind heute Mitarbeiter in Gemeinden oder Missionare im Ausland.

 

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Wie die Kinderarbeit begann
Im Sommer 1998 fand das erste Kindersommercamp statt. 60 Kinder versammelten sich einen Monat lang jeden Vormittag fünf Stunden zu unserem bunten Programm mit Frühstück. Während die Kinder in dem schmalen Gang hinter unserem Gebäude ihr Frühstück genossen, stellten wir drinnen Tische für Bastelarbeiten und Spiele. Das Interesse an den Camps war groß. 

 

 

Im zweiten Jahr konnten wir nicht mehr alle Kinder aufnehmen, die sich angemeldet hatten. Wir benötigten unbedingt mehr Platz. Zur wöchentlichen Kinderstunde kamen inzwischen regelmäßig 70 bis 120 Kinder, bei besonderen Veranstaltungen bis zu 300. Sie saßen auf Stühlen, Tischen, dem Fußboden und Treppenstufen, der Rest stand dicht gedrängt in den Ecken. Damals begannen wir, Gott um ein größeres Gebäude zu bitten. Wir suchten ein Haus mit großem Garten.

 

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Der erste Spielplatz in Beit Jala
Wir informierten die DMG und unseren Freundeskreis über das geplante Vorhaben, und erhielten von allen Seiten grünes Licht. Spenden gingen ein. Im Frühjahr 2000 konnten wir ein etwa 3.000 m2 großes, wunderschönes Grundstück im Herzen von Beit Jala kaufen. In der Provinz Bethlehem leben etwa 150.000 Menschen auf einer Fläche von 30 Quadratkilometern. Umgeben von einer neun Meter hohen Mauer und anderen Grenzvorrichtungen dürfen die Palästinenser ihre Gebiete kaum verlassen. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist unter 16 Jahre alt. Für die 75.000 Kinder und Jugendlichen rund um Bethlehem gab es im Jahr 2000 keinen einzigen Spielplatz!
 

 

 

Wenige Monate nachdem wir das neue Grundstück fürs Beit Al Liqa gekauft hatten, eröffneten wir dort den ersten öffentlichen Kinderspielplatz der Provinz. Der Andrang war unglaublich. Hunderte Menschen kamen täglich. Die Sehnsucht nach einem grünen Ort der Ruhe war enorm. Endlich mussten die Kinder der Stadt nicht mehr nur auf der Straße spielen.

 

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Bau trotz "Al-Aksa-Intifada"
Als wir uns im Sommer 2000 über die Baupläne des neuen Zentrums freuten, brach die "Al-Aksa-Intifada" aus, der zweite Aufstand der Palästinenser gegen die israelische Militärbesatzung. Fast zwei Jahre lang lebten wir im Krieg. Häuser wurden zerstört, Menschen starben. "Johnny, du kannst jetzt unmöglich bauen!", sagte ein Freund, als er unser Gelände besichtigte. "Warum nicht?", fragte Johnny seinen erstaunten Gesprächspartner. "Das ist genau die richtige Zeit zum Bauen. Wenn auf der einen Seite der Stadt Häuser zerbombt werden, errichten wir hier auf der anderen Seite ein Haus zur Ehre Gottes!" "Wenn das mal gut geht", dachte ich. Aber Johnny wusste, dass Gott ihm den Auftrag zum Bau gegeben hatte. 

 

 

Die Menschen waren verzweifelt. Sie hatten keine Kraft mehr. Man hatte auf den Friedensprozess gehofft, und dass im Jahr 2000 nach Christi Geburt in Bethlehem alles besser werden würde. "Bethlehem 2000" sollte eigentlich ein großes Fest werden. Die Stadt ist renoviert worden, Restaurants und Hotels hofften auf viele Touristen. Und jetzt das?! Man war müde von den Konflikten, wollte einfach nur leben. Viele wanderten aus, weil sie keine Hoffnung mehr sahen. Der Bau unseres Zentrums vermittelte den Menschen eine wichtige Botschaft: "Es ist nicht alles vorbei. Wir haben eine Zukunft und bereiten uns schon jetzt darauf vor!"

 

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Es wurde ein "Haus für Gott!"
Im Oktober 2001 begannen wir mit dem Bau. Bereits nach einem Jahr zog das Beit Al Liqa in das neue Gebäude um. Es war ein Wunder: Die israelische Armee hatte unsere Stadt mit Panzern besetzt und verhängte häufig Ausgangssperren. Während der Bauphase durften die Menschen an 168 Tagen nicht ihre Häuser verlassen. An kaum einem dieser Tage stand die Baustelle still. Die Arbeiter schlichen sich auf Seitenstraßen an den Patroullien vorbei, um zu ihrer Arbeitsstelle zu gelangen. Damals hatten 80 Prozent der Menschen unserer Stadt keine Arbeit. Wir jedoch beschäftigten zahlreiche Tagelöhner: Männer, die überaus dankbar waren, weil sie so ihre Familien ernähren konnten. Problematisch war, das Baumaterial aus anderen Landesteilen heran zu schaffen. Die Checkpoints waren geschlossen, Zufahrtstraßen verbarrikadiert. Manchmal kam ein Lastwagen mit Steinen bis an eine Straßensperre - wir fuhren einen zweiten Laster von der anderen Seite heran und luden die Steine um. Einmal während einer solchen Aktion kamen Soldaten vorbei und fragten Johnny, was er da tue. "Ich baue ein Haus für Gott!" war Johnnys Antwort. Die Soldaten waren so verdutzt, dass sie ihn gewähren ließen.

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Nahrungshilfe und Krankentransport
Während des Krieges war uns wichtig, den Menschen in ihrer Not beizustehen. Oft konnten wir Veranstaltungen nicht durchführen, die Kindertagesstätte blieb häufig geschlossen. Weil die Menschen nicht zu uns kommen konnten, war Johnny ständig unterwegs und brachte Gottes Liebe in die Häuser. Er verteilte Lebensmittel an Menschen, die fast nichts mehr hatten: Milch, Brot, Eier und Babywindeln. Damals war es gefährlich, sich von einem Krankenwagen transportieren zu lassen. Diese standen unter Verdacht, bewaffnete Männer zu fahren, und wurden öfters vom israelischen Militär beschossen. Also holte Johnny verletzte Kinder, Männer und Frauen aus den Trümmern ihrer Häuser und brachte sie mit unserem Wagen ins Krankenhaus. Ärzte der Umgebung hatten seine Handynummer und riefen ihn an, wenn jemand krank war oder Frauen zur Entbindung mussten. Egal wie die Situation war: Johnny war immer unterwegs, um den Menschen seiner Stadt zu helfen. Gott bewahrte ihn. Viele kamen ins Nachdenken: "Warum tust du das?" fragten sie. "Warum bringst du dich wegen anderen in Gefahr?" Johnny konnte nicht anders. Die Liebe Christi drängte ihn hinaus zu den Menschen.

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Soziale Hilfe gibt Anerkennung
Die schweren Jahre der Intifada liegen hinter uns. Durch unsere soziale Hilfe sind wir heute in der Bevölkerung anerkannt. Das Beit Al Liqa ist zu einem großen Werk angewachsen. Derzeit haben wir elf vollzeitliche Mitarbeiter, vier Teilzeitbeschäftigte, vier deutsche Volontäre und viele freiwillige Helfer. Die Arbeit wächst weiter. In der Kindertagesstätte und im Kindergarten betreuen wir 75 Kinder und Babys sechs Tage die Woche. Sie werden kreativ gefördert und können sich auf dem großen Spielplatz austoben. Als einziger Kindergarten in den Palästinensischen Autonomiegebieten arbeiten wir mit einem christlichen Lehrplan. Dabei ist uns die Erziehung zum Frieden besonders wichtig. Wir sähen die Liebe Jesu in die Herzen der Kinder. So tragen wir dazu bei, dass sie zu einer Generation des Friedens heranwachsen. Einer Generation, die Gott liebt und ihm Ehre gibt.

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Geschenke für 17.000 Kinder
Im Rahmen von "Weihnachten im Schuhkarton" verteilt unser Beit Al Liqa-Team jährlich tausende Geschenke an Schulen und Kindergärten in der Provinz Bethlehem und darüber hinaus. 2006 haben wir 17.000 Kinder beschenkt. Wir wollen ein Lächeln auf das Gesicht von Palästinenser-Kindern zaubern. Eine besondere Attraktion sind unsere Kindercamps in den langen Sommerferien mit täglich 120 Teilnehmern. Neben kreativen und sportlichen Angeboten hören sie in den Andachten von Jesus, singen Lieder und prägen sich Lernverse aus der Bibel ein. Für Teenager und Jugendliche ist das Beit Al Liqa ein beliebter Treffpunkt. Viele nutzen unsere Sportprogramme; Fußball, Basket- und Volleyball sowie Tennis. Der Teens-Club ist stark gewachsen. In den Andachten schlagen viele zum ersten Mal in ihrem Leben eine Bibel auf. Eine Gruppe "King's Kids" übt Ausdruckstanz. Sie treffen sich auch regelmäßige mit israelischen Gleichaltrigen. Die Erfahrung, dass durch den Glauben an Jesus Israelis und Palästinenser zu Freunden werden, ist für die jungen Leute dabei ganz besonders wichtig.

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Die Arbeit wächst weiter ...
Mehrmals im Jahr finden Kinder-, Jugend- und Teenagertage bei uns statt. Das traditionelle Zeltlager im August ist der Höhepunkt. Wir schulen Mitarbeiter in Sachen Kinderarbeit, halten Jüngerschaftsschulung, Seminare über Evangelisation, Mission, Erziehung, Ernährung und Ehe. In Workshops behandeln wir theologische und biblische Themen sowie die besondere Situation unseres Landes. Wir bieten Lobpreisabende, Konzerte und Gemeinschaftsabende an. Das Beit Al Liqa ist auch ein Zentrum internationaler Begegnungen geworden. Einsatzteams, Volontäre (freiwillige Helfer) und Zivildienstleistende aus anderen Ländern helfen bei uns praktisch mit. Touristengruppen und Gäste besuchen unser Zentrum. Sie lernen einheimische Christen kennen und erleben Gottes Handeln.

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Große Feier mit buntem Programm
Mit über hundert deutschen Gästen aus verschiedenen Reisegruppen und rund 150 einheimischen Freunden feierten wir vom 27.-29.10.2006 das 10-jähriges Jubiläum des Beit Al Liqa'! Wir sind sehr dankbar für alles, was hinter uns liegt und staunen, was Gott aus dem kleinen Anfang unserer Teestube gemacht hat: Das haben nicht wir getan. Das machte Gott! Er macht Geschichte in unserem Land. Und wir sind gespannt, wie seine Geschichte mit uns und mit dem Beit Al Liqa in den nächsten Jahren weitergehen wird.